Nachbericht zum 87. Digitaldialog: “Sustainable Systems”

Der 87. Digitaldialog (30.11.21) stand ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit, die seitens der Hochschulen immer mehr an Relevanz gewinnt, was am kürzlich geschlossenen Bündnis Nachhaltiger Hochschulen zu sehen ist. Die Digitalisierung als Fokus der Veranstaltungsreihe „Digitaldialog“ bietet ebenso vielversprechende Möglichkeiten, um nachhaltige Systeme zu entwickeln und damit langfristige Werte zu schaffen und zu erhalten. Daher war das Thema des Digitaldialogs „Nachhaltige Systeme – Digitally Driven“. Ziel war es aus unterschiedlichen Perspektiven – Unternehmen, Wissenschaft, Stadtentwicklung – nachhaltige Gestaltung zu betrachten in der die Digitalisierung als Enabler eine Rolle spielt oder auch selbst hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit zu hinterfragen ist, um als nachhaltiges System zu gelten.

Drei Vortragende waren eingeladen, um aus ihrer jeweiligen Perspektive Digitalisierung in Verbindung mit der nachhaltigen Systemgestaltung zu bringen:

  • René Kollmann vom Unternehmen Strateco, der über die Bewertung der ökologischen Nachhaltigkeit berichtete und somit aufzeigte wie Unternehmen und Regionen zur nachhaltigen Systemgestaltung von Produkten, Prozessen und Dienstleitungen beitragen können.
  • Josef Schöggl vom Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung der Karl-Franzens-Universität Graz, der Forschungsaktivitäten und -Ergebnisse im Bereich der digitalen und nachhaltigen Kreislaufwirtschaft präsentierte und so aufzeigte, inwieweit eine nachhaltige Gestaltung unseres Wirtschaftssystems mittels des Einsatzes von digitalen Technologien in Unternehmen voranschreitet.
  • Franziska Schruth vom Stadtlabor Graz, die über das Projekt SMASH erzählte, das auf Basis einer digitalen Plattform Initiativen und Aktivitäten zum Teilen und Tauschen in der Smart City Graz ermöglicht und so eine nachhaltige Gestaltung des „Stadtsystems“ Graz fördert.

Durch die Veranstaltung führte Berndt Jesenko von der Studienrichtung IT & Wirtschaftsinformatik an der FH CAMPUS 02.

1. Vortrag: Bewertung der ökologischen Nachhaltigkeit – am Beispiel Cloud Services (René Kollmann)

Das 7-köpfige Team des Unternehmens Strateco berät Unternehmen, Regionen und Gemeinden bei der Ökologisierung von Produkten und Dienstleistungen. Dafür wird der ökologische Fußabdruck – Sustainable Process Index (SPI) entwickelt an der TU Graz – ermittelt, der das Prinzip der starken Nachhaltigkeit verfolgt und in m2 die Umweltbelastung angibt. Der SPI zeigt somit auf wie groß die direkte Fläche, die Fläche für die Speicherung fossiler Kraftstoffe, für erneuerbare und nicht erneuerbare Ressourcen und die Aufnahme von Emissionen von Luft, Wasser und Boden ist, um Prozesse und Produkte bereitzustellen. Damit wird auch klar ersichtlich, wo ökologische Hotspots innerhalb einer Prozesskette liegen und damit Handlungsmöglichkeiten für Unternehmen gegeben sind. Zur Erstellung des SPI wird eng mit KundInnen zusammengearbeitet. D.h. im Rahmen der Ökobilanzerstellung laut ISO Normen 14040 bis 14044 werden gemeinsam Rahmenbedingungen und Ziele festgelegt, um nach der Datenerhebung und Bewertung das Ergebnis zu Interpretieren und im Konsens mit den KundInnen Maßnahmen zu definieren. Diese ökologische Nachhaltigkeitsbewertung kann nun auch im Bereich der Digitalisierung Auskunft über eine nachhaltige Systemgestaltung geben, wie René Kollmann mit dem Beispiel eines deutschen IT-Unternehmens veranschaulichte. Dieser Unternehmenskunde wollte den SPI für sein Unternehmen wissen, wobei Strateco aufzeigte, dass neben Transport (57,8%) vor allem auch die IT-Ausstattung und Verwendung (40%) eine hohe Umweltbelastung des Unternehmens darstellt. Im Speziellen war dann die Frage des Kunden, der sein Business vergrößern möchte, welche Serverlösung aus ökologischer Sicht am schonendsten für die Umwelt ist. Hier zeigte Strateco mit seinen SPI-Berechnungen auf, dass eine Cloud-Lösung den geringsten SPI (1,3 m2/GB) aufweist, aber auch die bisherige Lösung (Server klein x64) mit einer Umstellung auf erneuerbare Energien schon ein hohes Einsparungspotential mit sich bringen kann (von 26,6m2/GB bisherige Lösung auf 11,3m2/GB mit bisheriger Lösung aber Betrieb mit erneuerbaren Energien). Auch der Datentransfer wurde als ökologischer Hotspot identifiziert. Verbesserungsvorschläge werden für diesen und andere Kunden und Kundinnen vor allem in den drei Bereichen Vermeidung, Reduktion und Kompensation aufgezeigt. Am Ende wurde passend zum Vortrag eine Quizfrage gestellt, die lautete: „Ist es aus ökologischer Sicht sinnvoller eine 1-stündige Videokonferenz abzuhalten oder 5 km mit dem Auto zum Meeting zu fahren?“ Falls Sie die Antwort noch nicht kennen und diese gerne wissen möchten, unter https://www.strat.eco/quiz finden Sie die Antwort auf diese Quizfrage und noch weitere Quiz zur Bewusstseinsbildung.

2. Vortrag: Bewertung der ökologischen Nachhaltigkeit – am Beispiel Cloud Services (Josef Schöggl)

Über aktuelle wissenschaftliche Forschung im Bereich nachhaltiger Systemgestaltung berichtete Josef Schöggl vom Christian Doppler Labor, das sich mit dem Thema des nachhaltigen Produktmanagements zur Schaffung einer Kreislaufwirtschaft beschäftigt. Vordergründig ist die Frage wie Unternehmen bei einem Übergang in eine Kreislaufwirtschaft unterstützt werden können und welche Rolle digitale Technologien dabei spielen. Dabei stehen 4 Ziel oder Herausforderung im Mittelpunkt. Erstens geht es darum auf Produktlevel Nachhaltigkeit und Zirkularität und hier vor allem multiple Produktzyklen messbar zu machen. Zweitens soll der Produktlebenszyklus – von den Rohmaterialen über Zulieferung von Komponenten, Konstruktion und Herstellung, bis zur Nutzung aber auch das Ende der Produktlebensphase – digital dargestellt werden. Neben der Etablierung eines digitalen Informationsflusses, will man sich im Forschungsprojekt aber vor allem auch auf das Entscheidungsverhalten konzentrieren. Auf Basis der digitalen Informationen zum Produktlebenszyklus und vorhandener Tools sollen Entscheidungsträgern unterstützt werden. Projektpartner sind einerseits die AVL und iPoint mit Fokus auf ein nachhaltiges Produktmanagement (Antriebsstränge) in der Automobilindustrie und andererseits die ARA mit dem Fokus auf Verpackung und der Entwicklung von Circular Design Guidelines. Ein erster Schritt im Projekt war eine Literaturanalyse, um Potentiale digitaler Technologien für ein nachhaltiges Produktmanagement in den verschiedenen Phasen des Produktlebenszyklus zu identifizieren. Beispielsweise kann eine Blockchain-Anwendung Nachverfolgbarkeit schaffen und damit im Rahmen der Compliance Themen Transparenz für Zuliefererfirmen. Auf die Frage in welchem Bereich des Nachhaltigkeitsmanagements, welche digitale Technologien zu welchem Zweck zum Einsatz kommen zeigt sich, dass vor allem für ein generelles Management Technologien eingesetzt werden, wobei IoT am häufigsten im Einsatz ist und Effizienz das häufigste Ziel ist. Um den Status Quo in österreichischen Produktionsunternehmen zu erheben, inwieweit diese eine Kreislaufwirtschaft umsetzten, wurde eine Umfrage durchgeführt. Der Umsetzungsgrad ist generell noch gering, aber es zeigt sich eine gewisse Dynamik. Auch der Umsetzungsgrad verschiedener digitaler Technologien wurde abgefragt, wobei der Einsatz vor allem für den Zweck des Nachhaltigkeitsmanagements noch gering ist in den befragten österreichischen Unternehmen. Das Fazit bisheriger Forschungsergebnisse ist, dass neben bisheriger Wertschöpfungsaktivitäten auch ein Nachhaltigkeitsmanagement und Kreislaufwirtschaft von digitalen Technologien profitieren kann. Es braucht aber noch eine signifikante Veränderung des Wertangebotes (z.B. Umstellung auf PSS) und eine strategische Planung für den Einsatz digitaler Technologien für eine Kreislaufwirtschaft basierend auf Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung

3. Vortrag: SMASH – teilen und tauschen in der My Smart City Graz (Franziska Schruth)

Im Projekt SMASH, das im letzten Jahr gestartet ist setzt man bei lokalen sozialen Bedürfnissen, innovativen wirtschaftlichen Potenzialen, ökologischen Möglichkeiten und neuen technologischen Entwicklungen an, um verschiedene Dimensionen solidarischer Ökonomie auf der Ebene des neu entstehenden Stadtteils “My Smart City Graz” zu verbinden: (1) Nachbarschaftshilfe, (2) ehrenamtliche Organisationen und (3) kommerzielle Unternehmen. Franziska Schruth vom Stadtlabor Graz, als eine von 3 Partnerorganisationen neben dem Regional Center of Expertise (RCE) und dem Unternehmen Bravestone, erzählte von Eindrücken aus dem ersten Jahr des laufenden Projektes. Teilen und Tauschen von Gegenständen, Räumen, Wissen, Diensten und Verantwortung steht im Mittelpunkt, um einen nachhaltigen Lebensstil im genannten Gebiet der My Smart City Graz zu fördern, aber auch über die Grenzen hinweg in der Nachbarschaft. Dazu wurde eine Landing Page entwickelt mit einer digitalen Akteurs- und Ressourcenlandkarte und digitale Tools zur Unterstützung des Teilens und Tauschens auf lokaler Ebene. Die Akteurs- und Ressourcenlandkarte zeigt, was es bereits an Möglichkeiten gibt, visualisiert mittels Open Street Map. Die digitale Plattform soll vor allem die Vernetzung zwischen AkteurInnen erleichtern. Neben der digitalen Unterstützung werden aber auch Arbeitsgruppen zum Aufbau sich selbst organisierender Initiativen eingesetzt, um langfristig Verantwortung an lokale Akteure zu geben. Auf Basis der Projekterfahrungen wird ein Toolkit entwickelt, um die Übertragbarkeit bzw. Entwicklung einer solidarischen Stadtteilökonomie zu sichern. In einer durchgeführten Umfrage im Stadtteil zeigt sich, dass von Urlaubsbetreuung über Fahrräder und eine nachhaltige Lebensweise viele andere Fertigkeiten, Gegenstände, etc. gerne geteilt und getauscht werden würden. Das Angebot ist ebenfalls vielfältig (z.B. Einkaufshilfe, Raum für Brettspiele und kochen). Im Rahmen Initiativenbildung konnten zwei Steuerungsgruppen mit BewohnerInnen etabliert werden. Eine dezentrale Tausche-Teilen-Gruppe die vor allem die digitale Lokalwährung Styrricon einführen möchte und die zentrale Tauschen-Teilen-Gruppe mit Repair-Café bzw. Näh-Café, GärtnerInnengruppe oder einer FoodCoop.

Präsentationen

Aufzeichnung (YouTube)