68. Digitaldialog | Digitalisierung in der Landwirtschaft

V.l.n.r.: Hermann KATZ (JOANNEUM RESEARCH), Mario HÜTTER (Maschinenring Steiermark), Heinrich PRANKL (Höhere Bundeslehr- und Forschungsanstalt Francisco Josephinum), Johann GASTEINER (Höhere Bundeslehr- und Forschungsanstalt fĂŒr Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein)

68. Digitaldialog: Digitalisierung in der Landwirtschaft

Die JOANNEUM RESEARCH lud am 29. Oktober 2019 gemeinsam mit dem Maschinenring Steiermark zum 68. Digitaldialog in die Leonhardstraße in Graz. Über 100 Interessierte folgten der Einladung zur EinfĂŒhrung in funktionierende Praxisbeispiele des aktuellen Themas „Digitalisierung in der Landwirtschaft“ und zur anschließenden Diskussion. Durch die Veranstaltung fĂŒhrte Hermann Katz, Leiter der Forschungsgruppe „Datenanalyse und modellbasierte EntwicklungsunterstĂŒtzung“ der JOANNEUM RESEARCH: „Auch bei JOANNEUM RESEARCH ist die Digitalisierung in der Landwirtschaft in den Fokus gerĂŒckt. Diese basiert auf drei SĂ€ulen: Sensorbasierte Technologien, Auswertung durch statistische Methoden und die VerknĂŒpfung mit dem Wissen der Landwirtinnen und Landwirte“, eröffnete der Statistiker, der mit dem Maschinenring an einem gemeinsamen Digitalisierungsprojekt arbeitet.

Heinrich Prankl, Leiter fĂŒr Forschung & Innovation und GeschĂ€ftsfĂŒhrer von Josephinum Research in Wieselburg, bot einen spannenden Überblick ĂŒber die aktuellen Möglichkeiten von Smart Farming. „Das Wesentliche der Landwirtschaft bleibt, aber die Methoden Ă€ndern sich. Neue Technologien und marktfĂ€hige Produkte verĂ€ndern die Landwirtschaft“, so der Forscher aus Oberösterreich. Die traditionelle Bildsprache melkender HĂ€nde weicht Bildern von Drohnen ĂŒber Feldern und Displays im Traktor-Cockpit. „In der breiten Landwirtschaft wird noch lange nicht das ganze Spektrum an Möglichkeiten ausgeschöpft, das wir jetzt schon haben“, ortet Prankl ein Abwarten seitens der Landwirte. Bestehende Apps seien meist kostengĂŒnstig, was immer noch fehle, seien vernetzte Daten, so Prankl weiter. In Zukunft werden Roboter eine große Rolle in der Landwirtschaft spielen, einerseits kleine sogenannte „Schwarmroboter“, andererseits aber auch große Maschinen. Prankl sieht in der GrĂ¶ĂŸe eines landwirtschaftlichen Betriebs keine Barriere der Digitalisierung, denn „Apps kosten fĂŒr gewöhnlich nicht viel.“ Der Forscher sieht auf jeden Fall noch Aufholbedarf in der Vermittlung neuer Erkenntnisse in diesem Bereich. Bestehende digitale Möglichkeiten seien bei vielen Betrieben noch nicht angekommen.

Ein sehr detailliertes Beispiel der Digitalisierung in der Milchwirtschaft brachte der VeterinĂ€r Johann Gasteiner, Leiter fĂŒr Forschung und Innovation an der HBLFA Raumberg-Gumpenstein, in seinem Vortrag ĂŒber die Überwachung des Herdenmanagements und der Tiergesundheit bei MilchkĂŒhen durch einen Pansen-Sensor. Milchbetriebe rangieren in einer GrĂ¶ĂŸenordnung zwischen einigen Tieren und rund 80.000 zum Beispiel in Saudi-Arabien. Dabei nimmt die Manpower ab und das Herdenmanagement wird ohne digitale Überwachung unmöglich. „WĂ€hrend die Manpower abnimmt, steigt die Technik und Elektronik. Big Data ist in der EU ein großes Thema. Mittlerweile bekommt jedes Kalb eine elektronische Ohrmarke“, erlĂ€utert Gasteiner den Alltag der Milchbauern, die zu Tiermanagern werden. Der sogenannte Pansen-Sensor, ein mittlerweile marktreifes, fĂŒr Tier und Mensch sicheres Produkt, liefert direkt aus dem Magen der Kuh Daten darĂŒber, wie oft die Kuh widerkĂ€ut, welche Temperatur im Pansen vorherrscht und wie aktiv das Tier ist. All diese Informationen werden ausgewertet und sind fĂŒr den Landwirt Zeichen dafĂŒr, ob das Tier krank ist oder etwa vor dem Abkalben steht. Allerdings: „Am Ende des Tages ist immer der Mensch fĂŒr die Tiere verantwortlich“, so Gasteiner.

Mario HĂŒtter, Biolandwirt und GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Maschinenring Steiermark, steht einer Digitalisierung in der Landwirtschaft positiv gegenĂŒber: „Man muss die Chancen der Digitalisierung nutzen und Technologien zweckmĂ€ĂŸig anwenden. Es gibt schon so viele Daten, man muss diese nur so verknĂŒpfen, dass sie gewinnbringend sind.“ HĂŒtter bringt zwei Beispiele, die das Leben eines Landwirts vereinfachen, Ressourcen schonen und ErtrĂ€ge erhöhen. Einerseits den sogenannten Online-Manager, eine Software, die Maschinenring seinen Mitgliedern fĂŒr ein Auftrags- und Rechnungsmanagement oder fĂŒr automatisierte TĂ€tigkeitsnachweise zum Beispiel fĂŒr das Fördermanagement zur VerfĂŒgung stellt. Andererseits will er den Landwirtinnen und Landwirten den Weg aus der Durchschnittsfalle mithilfe punktgenauer Bodenanalysen weisen. „Bei Trockenheit lĂ€sst sich das Ergebnis, zum Beispiel durch an Boden- und NĂ€hrstoffverhĂ€ltnisse angepasste SaatstĂ€rke und DĂŒngemengen, um neun Prozent verbessern“, ist HĂŒtter von den Vorteilen durch Digitalisierung ĂŒberzeugt. Die dafĂŒr notwendigen Daten werden durch einen Bodensensor generiert, der neben den geographischen Parametern Aufschluss ĂŒber die NĂ€hrstoffe, organische Substanz, pH-Wert, Bodenart und FeldkapazitĂ€t gibt. Diese Daten werden ausgewertet und miteinander verknĂŒpft, das Ergebnis sind Zonierungen, darauf aufbauend werden Applikationskarten erstellt, beispielsweise fĂŒr den Maisanbau. Diese Technologie ist aus einem Forschungsprojekt mit der JOANNEUM RESEARCH entstanden.

Fazit: Die Landwirtschaft Àndert sich massiv. Es gibt viele neue technologische Entwicklungen und Möglichkeiten zur Verbesserung. Ziel ist es, das bestehende Wissen und die neuen Technologien zu den Anwenderinnen und Anwendern zu bringen.

Der „Digitaldialog“ ist eine Veranstaltungsreihe des Silicon Alps Clusters und wird in Kooperation mit den Partnern FH Campus 02, JOANNEUM RESEARCH, IT Community Styria und FH KĂ€rnten durchgefĂŒhrt. Bei dieser Reihe, die bereits im Jahr 2011 von der Steirischen Wirtschaftsförderung SFG ins Leben gerufen wurde, geben anerkannte Technologieexpertinnen und -experten Einblick in ihr BetĂ€tigungsfeld.

Die JOANNEUM RESEARCH Forschungsgesellschaft mbH entwickelt Lösungen und Technologien fĂŒr Wirtschaft und Industrie in einem breiten Branchenspektrum und betreibt Spitzenforschung auf internationalem Niveau. Mit dem Fokus auf angewandte Forschung und Technologieentwicklung nimmt sie als die INNOVATION COMPANY eine SchlĂŒsselfunktion im Technologie- und Wissenstransfer ein.

POLICIES – Institut fĂŒr Wirtschafts- und Innovationsforschung unterstĂŒtzt Unternehmen, Politik, Forschungseinrichtungen und Organisationen bei ihren Fragen zu Technologie- und Innovationsstrategien, evidenz-basierter Politik oder der regionalen Standortbewertung – sowie bei datengestĂŒtzten Innovationsprojekten. Die unternehmerischen oder politischen Entscheidungen können somit auf Basis objektiver Fakten getroffen werden.