60. Digitaldialog | Special: Autonomes Fahren und Smart Mobility

v.l.n.r.: Robert Schmied (Mobility Lab), Barbara Flügge (digital value creators), Gerhard Krachler (Magna Steyr Fahrzeugtechnik), Christina Henrich (Silicon Alps), Horst Bischof (TU Graz), Franz Prettenthaler (JOANNEUM RESEARCH), Matthias Rüther (JOANNEUM RESEARCH), Gerhard Greiner (ALP.Lab)

Das war der 60. Digitaldialog!

Im wunderbaren Ambiente des kulturhistorischen GrazMuseums veranstaltete der Silicon Alps Cluster gemeinsam mit dem Innovationslabor ALP.Lab den 60. Digitaldialog zum Thema „Autonomes Fahren und Smart Mobility“.

Spezial-Workshop mit Tiefe

Zu diesem spannenden und zeitgeistigen Thema gab es erstmals in der Geschichte der erfolgreichen Veranstaltungsreihe am frühen Nachmittag einen vertiefenden Workshop, der sich rund um die Gestaltung der Stadt von morgen drehte. Interaktiv und kollaborativ geleitet wurde er von Barbara Flügge (digital value creators), der Expertin im Bereich Smart Mobility und Herausgeberin mehrerer im Springer Verlag erschienenen Bücher, die mit Smart Mobility Bausteinen für intelligente Mobilität zum Standard und Hilfsmittel für die Entwicklung von Mobilitätskonzepten geworden sind. Zahlreiche Workshopteilnehmer erarbeiteten unter Berücksichtigung eines fiktiven Stadtmodells Persona-Profile sowie szenarienorientierte Rollenmodelle. Unterstützt wurde der Spezial-Workshop von  JOANNEUM RESEARCHMagna Steyr FahrzeugtechnikMOBILITY LAB Graz sowie Silicon Alps.

Der 60. Digitaldialog im GrazMuseum

Die Abendveranstaltung des 60. Digitaldialogs stand ganz im Zeichen der smarten und urbanen Mobilität. Den äußerst passenden Rahmen bot das GrazMuseum im Herzen der Stadt Graz. Als Plattform für zeitgenössische urbanistische Themen zeigt es Ausstellungen und Sammlungen, die sich mit der Geschichte wie auch mit der Gegenwart und Zukunft der Stadt Graz auseinandersetzen. Vizedirketorin des GrazMuseums Sibylle Dienesch begrüßte gemeinsam mit Gerhard Greiner (ALP.Lab) das zahlreich erschienene Publikum und kündigte für das Jahr 2020 den zukünftigen Fokus des Museums auf die städtische Digitalisierung an.

Die Auswirkung der smarten Mobilität in ihren unterschiedlichen Facetten

Mit dem Titel „Störfaktor Mensch? Humanfaktoren in der automatisierten Mobilität“ beleuchtete Matthias Rüther (JOANNEUM RESEARCH DIGITAL) die „unsichere“ Rolle des Menschen – von der kompletten Kontrolle über autonome Fahrzeuge bis hin zur völligen Nutzlosigkeit als unbeteiligter Verkehrsteilnehmer. Die Auswirkungen des hochautomatisierten Fahrens auf Menschen sind ambivalent. Das Spektrum reicht vom mangelnden Vertrauen, erzeugt durch Stresssituationen, bis hin zum übertriebenen Optimismus in die Technologie. Doch wie können Produzenten das Vertrauen der Menschen für autonome Fahrzeuge schaffen? Durch angepasstes Fahrzeugdesign oder indem Menschen tatsächlich die Fahrkontrolle abgeben und sich mit anderen Aktivitäten beschäftigen? In diesem Punkt untersucht das Human Factor Lab die Aufmerksamkeit des Fahrgastes. Durch Analysen des Blickverhaltens im Simulator und Realverkehr erforscht das JOANNEUM RESEARCH das Verhalten der Person im Straßenverkehr und dessen Umgebung. Das Fazit ist, dass der Mensch immer eine Rolle spielen wird, vor allem im Hinblick eines „Krisenmanagers“ in gefährlichen, schwer einschätzbaren Situationen.

In seinem mitreißenden Vortrag präsentierte Gerhard Krachler (Magna Steyr Fahrzeugtechnik) das Konzept People Mover als On-Demand Mobilitätsmodell. Die Smart Mobility Solution möchte neue Standards im Individual- und öffentlichem Verkehr setzen.

Das Urban Living Lab untersucht mithilfe der Multi-Agent Transport Simulation bestehende Verkehrssysteme und das Mobilitätsverhalten in Kärnten. Franz Prettenthaler (JOANNEUM RESEARCH LIFE) diskutierte in seinem Vortrag „Welche Verkehrsmodelle braucht die automatisierte Mobilität“ einige Ergebnisse des ersten umfassenden Smart Tracking Modells in Österreich. Grundsätzlich entscheidet der Ort bzw. die Infrastruktur über die beste Fahrzeugnutzung. Um ein optimales Verkehrsmodell – gerade im Hinblick auf automatisierte Fahrzeuge – aufzubauen, sind die Daten entscheidend.

Die Smart Mobility Expertin, Barbara Flügge, stellte die essentielle Frage, ob autonome Autos und intermodaler Verkehr die Lösung oder doch ein Widerspruch sind. Grundsätzlich benötigen wir drei bis vier Stunden, wenn wir innerhalb der EU von A nach B wollen. Doch welche Verkehrsmittel wollen wir Menschen eigentlich wirklich nutzen und wie entscheiden wir uns, welches Verkehrsmittel wir dann tatsächlich auch nehmen? Hier spielt das Entscheidungsdreieck „Budget-Komfort-Ziel“ eine bedeutende Rolle. Haben wir ein höheres Budget so möchten wir mehr Komfort, daher sind wir Menschen eher weniger bereit intermodal zu reisen. Eine weitere wichtige Entscheidungshilfe ist unter den Aspekten der Verfügbarkeit, der Zuverlässigkeit und der Wahlfreiheit zu sehen. Wir wollen nicht drei bis vier Stunden aufwenden, gerade unter Berücksichtigung unserer unterschiedlichen Bedürfnisse. Autonome Fahrzeuge sind Mobilitätsenabler und können eine Vielzahl an unterschiedlichen Aktivitäten gewährleisten. So können wir während des Fahrens einkaufen, entspannen, lernen oder sogar wohnen. Daher schaffen autonome Fahrzeuge Lebensräume. Es spricht viel für die Autonomisierung, wie zum Beispiel Reduzierung der Emissionswerte etc. In den USA hingegen ist das In-Car-Living negativ besetzt, da es mit dem Attribut Armut verbunden wird. Die Akzeptanzaspekte können sowohl erlebnisgeführt sowie erlebnisgefühlt sein. Diese werden in Zukunft bestimmen welche Verkehrsmittel und welchen Automatisierungsgrad wir nutzen bzw. ob wir das genutzte Verkehrsmittel tatsächlich ein weiteres Mal nutzen werden. Für den zweiten Akzeptanzaspekt ist die öffentliche Hand gefordert, ein einheitliches Mobilitätsmanagement einzuführen, gerade für strukturschwache, belastete, wachsende und vernachlässigte Räume.

Gemeinsam können wir es schaffen

In der anschließenden Podiumsdiskussion ging es heiß her. Horst Bischof (TU Graz) warf ein, dass nicht die beste Technologie gewinnen wird, sondern das beste Konzept. Dies ginge aber nur durch sehr gute Netzwerke, denn alleine sei man zu klein. Robert Schmied (Mobility Lab) erklärte, dass die Mobilitätswende unaufhaltsam ist und dass der Austausch nicht nur von fossiler auf elektrische Energie erfolgt, sondern inter- und multimodal zu sehen ist. Generell war man sich einig, dass der öffentliche Verkehr im Transportwesen eine große Rolle einnimmt und einnehmen wird. Smarte Mobilität kann im Optimalfall nur durch zwei essentielle Aspekte gewinnen. Erstens durch die Bereitschaft zu kollaborieren und zweitens durch das Gewillt sein, mehrere Verkehrsmittel von A nach B zu nutzen. Die Frage, ob durch das autonome Fahren mehr Fahrzeuge auf die Straße gebracht wird, konnten die Experten nicht eindeutig klären. Hier ist man nicht soweit. Es bleibt auf jeden Fall spannend, was passiert.

Nach der lebhaften Diskussion ging es nahtlos in den gemütlichen Networkingteil über, bei dem noch in zahlreichen Gesprächen, unterschiedliche Ansichten und Meinungen rege ausgetauscht wurden. Als besonderes Highlight konnte man Infineon‘s LiDar Sensortechnologie testen, die den Gästen im Rahmen der Veranstaltung anschaulich demonstriert wurde. Lidar, Radar und Kameras sind die Schlüsseltechnologien im teil- und vollautomatisierten Fahrzeug, wobei Infineon hier die technologische Vorreiterrolle einnimmt.

Präsentationen
Barbare Flügge | Autonome Autos & intermodaler Verkehr – Lösung oder Widerspruch?